Der ca-ira-Verlag wurde in diesem Jahr von der linken Buchmesse in Nürnberg ausgeschlossen. Als Gründe wurden das Auslegen der Bahamas, das Bezeichnen der RAF als Waffen-SS (was sich als falsch heraus gestellt hat) und eine Unterschriftensammlung gegen iranische Atombomben, bei aber explizit amerikanische Atombomben ausgeklammert waren, genannt. Der ca ira-Verlag hatte dazu eine eigene Stellungnahme verfasst und auch auf indymedia gepostet. Dort hat es neben vielen eher wenig gehaltvollen Kommentaren jetzt auch noch eine etwas differenzierte Stellungnahme vom regelmäßigen Indy-Autor Ralf Streck gegeben. Gleichzeitig ist er an einem offenen Brief verschiedener Autoren der Jungen Welt an die Junge Welt beteiligt. Der Beitrag war erst im spam-filter hängen geblieben, ist jetzt aber frei geschaltet. Da der Artikel auf indymedia schon in den Tiefen des Open Posting Archivs verschwunden ist, und der Kommentar kaum noch gelesen werden würde, habe ich mir gedacht, den einfach hier nochmal zu veröffentlichen.
Die Kirche im Dorf lassen
Ralf 28.11.2008 – 11:50
Liebe Leute,
was mich wundert ist wieder einmal die deutsche (nichtvorhandene) Streitkultur. Klar, ISF, Ca ira, das sind sicher nicht die Leute, die ich toll finde und als Ex-Freiburger hat man so seine Erfahrung mit ihnen. Doch muss man auch anerkennen, dass sie immer wieder gute Bücher rausgeben. Moishe Postone sollte jeder Linke gelesen haben und es ist beachtlich, dass die jemanden veröffentlichen, der quer zu ihrer Position liegt. Man muss eben auch anerkennen, dass sie immer wieder zu ihren Veranstaltungen auch Leute einladen, die eine ganz andere Meinung haben und, auch wenn es oft nichts bringt mit ihnen zu diskutieren. Sie streiten jedenfalls.
Sie haben auch, was den Antisemitismus angeht, immer wieder richtig die Finger in eine offene Wunde gelegt. Man muss sich nur die Intervention nach den unsäglichen Sendungen im 1. Golfkrieg in Radio Dreyeckland von Möller anhören, wo er mit dem ausgewiesenen Antisemiten Spehl stundenlang plauderte und die Vergleich zwischen Israel und Nazi – Deutschland gruselig ständig aus den Lautsprechern waberten. Möller, Ex- Bewaffneter Kämpfer, verzichtete lieber auf andere Diskutanten, die da nicht mehr mitmachen wollten. Später log er, als er Mikroverbot erhalten sollte, er habe die Positionen des Typen nicht gekannt, der sich selbst nicht einmal als Linker definiert hat. Dabei hat Möllers Nah-Ost Gruppe immer wieder aus seinen Machwerken zitiert. Der Rückzug kam auch erst, nachdem Michi, Ali und Bernhard aus dem Knast seine abstrusen Theorien, in dem lesenswerten Text „Über das Schleifen von Messerrücken“ auseinander genommen haben.
Möller war beim 2. Juni und einer der Vorläufergruppen, die “ Schwarzen Ratten/Tupamaros Westberlin“ sind ja gerade damit aufgefallen, ausgerechnet am 9. November den ersten Anschlag auch noch auf ein jüdisches Gemeindehaus auszuführen. Das in Deutschland. Hier mal ein Zitat aus der abstruse Begründung: „Am 31.Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüdische Mahnmale mit ‚Schalom und Napalm‘ und ‚El Fatah‘ beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität. Das bisherige Verharren der Linken in theoretischer Lähmung bei der Bearbeitung des Nahost Konflikts ist Produkt des deutschen Schuldbewußtseins: „Wir haben eben Juden vergast und müssen die Juden vor dem neuen Völkermord bewahren.“ Die neurotisch historizistische Aufarbeitung der geschichtlichen Nichtberechtigung eines israelischen Staates überwindet nicht diesen hilflosen Antifaschismus. Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Fedayin.“
Zu einem derartigen Unsinn ist nicht mehr viel zu sagen und an Möller zeigte sich, das sich zumindesten bei einigen keine Entwicklung ergeben hat. Dass man in der deutschen Linken zum Teil eben ein Problem mit dem Antisemitismus hat, hat sich in der Debatte wieder deutlich gezeigt. Klar übertreiben die ISFler gern und schwingen die Antisemitismuskeule zu schnell und zu heftig, auch um jede Kritik an den schweren Menschenrechtsverletzungen, die eben Israel auch auf dem Kerbholz hat, zu untersagen. Doch dadurch sollte man sich ebenfalls nicht beeindrucken lassen. Interessant ist aber, dass sie mit Postone jemanden veröffentlicht haben, der auch Israel auch heftig angreift.
Nur schwingt man in der jW nun ja auch gerne heftige Keulen und ausgerechnet die jW ist ja nun wirklich kein Hort für eine positive Streitkultur. Angesichts meiner Erfahrungen mit der jW würde mich auch nicht wundern, wenn so falsch zitiert wird und heftig projiziert wird, wie oben beschrieben. Als ehemaliger Autor der Zeitung kenne ich das. Da sitzen so einige Leute, die glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und wie beim ISF glauben auch sie, an ihrer Weisheit müsse die Welt genesen, die sie gerne auch autoritär umzusetzen versuchen.
Dabei hält die jW hält selbst ja nicht mal die kleinste Kritik aus. Ich erinnere nur an die Auseinandersetzung die einige Autoren mit ihr hatten, wo auch klar wurde, dass die jW ein Problem mit dem Antisemitismus hat. Der versteckt sich tatsächlich zumeist hinter einem Antizionismus, wie es eben von Stalin vorgekaut wurde (Slansky….) Wir hatten ein paar zarte kritische Zeilen an der Blattlinie formuliert (siehe unten) und die wollten sie nicht einmal veröffentlichen und nachdem wir das in anderen Medien taten, führte das zu panischen und aufgeregten Reaktionen und eben auch zu Rauswurf und Schreibverbot. Eine kritische Debatte hält man dort eben nicht aus.
Dass man Ca ira letztlich wegen dem Auslegen der Ätzschrift Bahamas rauswirft, halte ich für reichlich daneben und schwach. Man müsste schon bestimmen können, ob in der Zeitschrift oder den Büchern faschistischer, rassistischer, sexistischer oder antisemitischer Dreck verbreitet wird, sonst ist kein Rauswurf zu begründen. Wer spielt sich denn als Wächter der reinen Lehre auf? Es waren doch genau die Antideutschen, die das in den letzten Jahren vorangetrieben haben und in die Falle sollte man nicht tappen. Ich möchte ohnehin nicht wissen, was da sonst noch so auf diversen Tischen ausgelegt wurde und grenzwertig ist. Also liebe Leute, lasst mal die Kirche im Dorf und statt sich mit solchen banalen Sachen rumzustreiten, sollte man sich lieber den realen Schweinereien zuwenden, von denen es ja reichlich gibt, anstatt wieder einmal Nabelschau zu betreiben.
Hier noch der offene Brief, wens interessiert
Offener Brief an die junge Welt und ihre Leserschaft,
Wir sind AutorInnen der jungen Welt. Wir kommen aus unterschiedlichen Spektren der Linken und vertreten in manchen Fragen divergierende Standpunkte. Dennoch haben wir uns entschlossen, diese kurze gemeinsame Intervention zu verfassen.
Die Blattlinie der jungen Welt folgt an vielen Punkten einer antiimperialistischen Hauptfeind USA und Israel Linie.
In letzter Zeit ergehen sich Kommentatoren der jW in einer unerträglichen Verniedlichung des offen antisemitischen Staatschefs des Iran, was nicht selten wie eine Legitimation dessen Politik wirkt. So kommt Werner Pirker zu Ahmadi Nejads Holocaust Leugnereien auf den Einfall, dass dieser möglicherweise “wenig Ahnung von europäischer Geschichte zu haben” scheine (jW vom 16.12.05), und findet, dass dessen Anti Israel Tiraden in irgendeiner Form eine Spielart von legitimem Antizionismus sei (jW vom 29.10.05). Wir fragen uns, wie man in Zukunft ähnlichen “Überlegungen” von Neonazis argumentativ entgegen treten will. Diese Relativierung der deutschen Massenmordgeschichte und Ignoranz gegenüber Antisemitismus verbieten sich für eine linke Zeitung von selbst, ganz abgesehen davon, dass dieses Regime jede fortschrittliche linke Opposition mörderisch unterdrückt.
Wir sind mit dieser inhaltlichen Ausrichtung, die sich in einer derart vereinfachenden Position ausdrückt, wonach der Feind meines Feindes irgendwie auch mein Freund sei, nicht einverstanden. Ebenso entschieden wie wir den Kriegsplänen gegen den Iran entgegentreten, lehnen wir ein Kleinschreiben eines virulenten und aggressiven Antisemitismus ab.